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01.05.11

Magersucht und Bulimie

Von: BKK vor Ort

„Na, Pummelchen, naschst du mal wieder Schokolade?“ Eine spaßig gemeinte Bemerkung ihres Vaters brachte die damals 13-jährige Andrea zu ihrer ersten Diät. Nach dieser Diät folgten immer radikalere Hungerkuren bis Andrea schließlich in einen Teufelskreis gelangte, aus dem sie nicht mehr herausfand.

So oder ähnlich fangen die meisten Leidensgeschichten von essgestörten Menschen an. Wir wollen im zweiten Teil unserer Serie Ernährung dieses komplexe Thema beleuchten und Betroffenen wie Angehörigen Wege aufzeigen, wie der Einstieg in eine langfristige Verbesserung der Situation zu finden ist.

Essstörungen – Was ist das eigentlich?

Menschen mit einer Essstörung nehmen über einen langen Zeitraum extrem wenig oder extrem viel Nahrung auf. Von Essstörungen im klassischen Sinn spricht man allerdings meist bei zwei Krankheitsbildern und deren Übergangsformen. Zum einen bei der Magersucht, auch als Anorexia nervosa oder kurz Anorexie bezeichnet und zum anderen bei der Ess-Brech-Sucht, auch Bulimia nervosa oder Bulimie genannt.

Worin unterscheiden sich Magersucht und Bulimie?

Sowohl Magersucht als auch Bulimie treten meist im Teenageralter erstmalig auf. Mädchen und junge Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Magersüchtige verspüren einen inneren Zwang, das Gewicht immer weiter, sogar bis zur akuten Lebensgefahr, zu reduzieren. Der Gewichtsverlust erfolgt durch eine extrem geringe Nahrungszufuhr häufig gepaart mit exzessiven sportlichen Aktivitäten.

Bei bulimischen Personen kommt es dagegen neben den Phasen mit extrem niedriger Kalo-rienzufuhr immer wieder zu unkontrollierten „Fressanfällen", in denen nicht selten das sechs- bis siebenfache des Tagesbedarfs gegessen wird. Anschließend versuchen die betroffenen Personen die zuvor zwanghaft verschlungenen Kalorienmengen durch selbstprovoziertes Erbrechen oder auch durch extrem hohe Einnahme von Abführmitteln wieder loszuwerden. Bulimiker haben häufig noch ein relativ normales Gewicht.

Woher kommt der innere Zwang zu hungern?

Bei einer Essstörung liegt das ursächliche Problem nicht im Essen an sich. Die Nahrungsverweigerung bildet vielmehr nur den Ausdruck eines tieferen psychologischen Problems.

Magersucht und Bulimie tauchen häufig da auf, wo eine scheinbar perfekte Familie dies eigentlich nicht vermuten lässt. Starke Bindungen an Werte wie Moral, Pflicht, Ordnung, Selbstbeherrschung sowie eine hohe Erwartungshaltung an die Tochter oder den Sohn fördern das Risiko einer Essstörung.

Man erwartet von uns, dass wir schön, intelligent und erfolgreich sind. Die Mode- und Medienwelt mit ihren immer schlankeren, vermeintlichen Vorbildern unterstützt diesen Eindruck noch. Die Diskrepanz zwischen dem perfekten Wunschbild und dem realen

Erscheinungsbild kann insbesondere bei jungen Menschen zu dem Dilemma führen, den eigenen Körper als unförmig und hässlich zu empfinden.

Wie fühlen und denken essgestörte Menschen?

Essgestörte Menschen machen ihr Äußeres dafür verantwortlich, dass ihnen – familiär und gesellschaftlich - Liebe, Anerkennung und Erfolg vorenthalten bleiben. Durch das Abmagern haben sie für sich selbst Erfolg und werden wahrgenommen. Bemerkungen wie „Mein Gott, du bist viel zu dünn" werden als Anerkennung aufgefasst und bestätigen nur die Macht über den eigenen Körper.

In der Pubertät kommt hinzu, dass durch die extreme Abmagerung die körperliche Entwicklung aufgehalten wird. Im Vordergrund steht dabei das Gefühl: „Vielleicht kann ich dem Er-wachsenwerden mit all seinem Druck und der Verantwortung entgehen."

Sowohl bei Magersüchtigen als auch bei Bulimikern wird der gesamte Alltag durch die Gedanken um Nahrung und Gewicht bestimmt. Die totale Kontrolle des eigenen Körpers bildet die Grundlage jeglichen Denkens und Fühlens. Der Tagesablauf wird ritualisiert und erlaubt keine tiefergehenden Beziehungen oder gar Freundschaften.

Der Körper wird als ständiger Feind empfunden, der bekämpft werden muss. Dies geht so-weit, dass es zu einem Realitätsverlust bezüglich des eigenen Körperbildes kommt. Essgestörte empfinden sich gerade an Bauch, Schenkel und Hüften immer als zu dick, auch wenn sie bereits extrem abgemagert sind.

Wie gefährlich sind Magersucht und Bulimie?

Der Organismus reagiert auf vielfältige Weise auf eine ständig zu geringe Nährstoffzufuhr. Die wichtigsten Probleme sind Konzentrationsschwäche, Menstruationsstörungen bis hin zu deren Ausbleiben, Magen-Darmbeschwerden, Muskelschwäche, Haarausfall, vorzeitige Hautalterung und Herz-Kreislauf-Störungen mit Gefahr des plötzlichen Herztods. Aufgrund der Organschädigungen liegt die Sterblichkeitsrate bei der Magersucht bei etwa 5-10 %.

Bei der Bulimie treten durch das häufige Erbrechen zudem starke Schädigungen an Zähnen, Mundschleimhaut und Speiseröhre auf.

Was kann ich als Betroffener oder Angehöriger tun?

Helfen können Angehörige, indem sie die Erkrankung als solche wahrnehmen und bei der Suche nach einer professionellen und langfristig angelegten Therapie behilflich sind. Unter-stützung bieten dabei auf Essstörungen spezialisierte Ärzte, Psychologen und Selbsthilfeorganisationen. Auf keinen Fall sollten Sie versuchen, bei Verdacht auf Magersucht oder Bulimie selbst zu „therapieren". Bemerkungen über Gewicht oder Figur, auch als Scherz verpackt, werden von Essgestörten immer negativ gedeutet.

Prognose bei Essstörungen

Das Hauptmerkmal von Essstörungen stellt gleichzeitig auch die größte Schwierigkeit bei der Therapie dar: Die Betroffenen definieren ihren eigenen Wert fast ausschließlich über Essen und Gewicht. Das Nicht-Essen verschafft ihnen Anerkennung und Macht. In der The-rapie muss dieses Nicht-Essen und damit das vermeintlich einzige Mittel zur Anerkennung aber bekämpft werden.

Entscheidend für den Heilungserfolg ist, dass eine Therapie möglichst frühzeitig begonnen wird und dass die Bereitschaft zur Therapie besteht. Erst wenn die Ursachen erkannt und therapeutisch behandelt werden können, besteht eine Chance zur Heilung. Dies kann für Betroffene und Angehörige mit schmerzhaften aber unvermeidlichen Prozessen verbunden sein.

Der Autor
Norbert Winzen ist Diplom-Oecotrophologe und bei der BKK vor Ort im Bereich Gesundheitsinformation tätig.Serie Ernährung - Schwerpunkt in der nächsten Ausgabe: „Cholesterin, Harnsäure, Blutzucker"





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